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„Ich sehe was, was du nicht siehst“ - Erinnerungskultur als Kunstprojekt

„Wie kommt es, dass die Hälfte unserer Klasse vor dem Projekttag nichts von all dem Schrecklichen wusste, das unmittelbar vor unserer Haustür geschehen ist?“ Die Erschütterung der Schülerinnen und Schüler war am vergangenen Wochenende spürbar, als sie mit vielen anderen an der Gedenkstätte des KZ Ohrdruf an das Unsagbare erinnerten, das dort im Zweiten Weltkrieg geschah. „Erinnern heißt, sich auch mit dem Unangenehmen auseinanderzusetzen. Dafür muss man genau hinschauen und versuchen zu verstehen, was damals passiert ist.“ Entsprechend heißt das Projekt, dem sich die Schülerinnen und Schüler der Klasse 10 der Emil-Petri-Schule in Arnstadt widmeten, „Ich sehe was, was du nicht siehst.“

Es ist das zweite Mal, das ein Kunstprojekt dieser Art an der Emil-Petri-Schule in Kooperation mit der Weimarer Mal- und Zeichenschule und den Arolsen Archives stattfand.

„Über den Projekttag haben wir neue Wege der Erinnerungskultur und neue Zugänge gesucht, um den Holocaust für Jugendliche heute begreifbar zu machen“, erklärt Kunstlehrerin Katre Steinbrück.

Das Mittel: Die Biografien der Opfer.

Der Fokus: „Ich, als Schüler, Kunstschaffender, schaue hin, schaffe Erinnerung, in dem ich zu denjenigen recherchiere, die damals gelitten haben“, sagt die Lehrerin.

Die Augen aus Glas, die entstanden sind, symbolisieren das Hinschauen – auch auf die Gegenwart. „Die Schülerinnen und Schüler fragten sich: In welcher Welt möchte ich leben? Was passiert jetzt? Was wird stillschweigend toleriert?“ Collagen mit Fotos der Opfer, die als Cyanotypie, einem Edeldruckverfahren, entstanden sind, machen die Opfer nahbar auch für Gen Z und Alpha. Die Kunst wird für sie zum Ausdrucksmittel, „um die Verbindung zum Herzen“ zu schaffen, wie es Christoph Mauny von der Mal- und Zeichenschule schon im vergangenen Jahr beschrieb.

Am 4. April 1945 befreiten die Amerikaner das Konzentrationslager in Ohrdruf. „Wer anfängt, genau hinzuschauen, der erinnert an die Menschen, ihre Herkunft, Träume und Hoffnungen.“ So beschreibt es die Klasse und schlägt den Bogen ins Heute. „Wir sehen Vorfälle in unserem Alltag - Hakenkreuze, Anfeindungen - und wollen nicht wegschauen. Wir schauen hin und beschäftigen uns auch mit dem Unangenehmen. Und während wir uns damit beschäftigen, merken wir, wie viel wir nicht sehen oder sehen wollen. Das heißt auch, Haltung zu zeigen und sich zu wehren, wenn einem selbst oder anderen Unrecht getan wird. Daher haben wir die Hoffnung, dass durch Projekte wie diese den Menschen, aber auch uns, die Augen geöffnet werden, damit sich solch Verbrechen nicht wiederholen.“