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„Spielsucht sieht man niemandem an“. Wie ein Thüringer von Spielautomaten loskam

Drei Tage hatte er durchgängig gespielt, dann konnte er nicht mehr. „Es hat in meinem Kopf einen Schalter umgelegt und ich habe gewusst, dass ich es allein nicht schaffe. Dass ich Hilfe brauche.“ Holger Anschütz ist spielsüchtig. Auch jetzt noch gilt er als suchterkrankt, obwohl er seit 15 Jahren keinen Automaten mehr angerührt hat.

Laut Bericht des Thüringer Gesundheitsministeriums zur Suchtprävention in Thüringen von 2025 ist das Spielen an Geldgewinnspielautomaten mit fast 82 Prozent die häufigste Spielform in Thüringen.

Holger Anschütz hat 1995 zu spielen begonnen, als er auf Montage war. Es war ein schleichender Prozess. Das Spielen half ihm, Stress abzubauen. „Zu Geld hatte ich irgendwann keinen Bezug mehr, das war nur Papier“, sagt er.  Sein Verdienst floss in die Spielhallen, sowie das Geld auf dem Konto war. Etwa 100.000 Euro hat er über die Jahre verspielt – „wenigstens nur mein eigenes Geld.“ Irgendwann war für nichts anderes mehr Geld da, die Wohnungslosigkeit drohte. Über die Kreisdiakoniestelle in der Rosenstraße, eine dreiwöchige Therapie im Ökumenischen Hainichklinikum, einem Fachkrankenhaus für Nervenheilkunde, der sich anschließenden zwölfwöchigen Langzeittherapie und der Nachsorgebetreuung durch die Psychosoziale Beratungsstelle wurde er spielabstinent.

In dieser Zeit lernte der Servicetechniker das Leben neu zu meistern. Eine Übung in der Therapie: In die Stadt zu gehen, sich vor Spielhallen zu stellen. Ohne Geld. Und dennoch eine Herausforderung, die seine Willenskraft vollständig erforderte. Als er irgendwann wieder allein einkaufen gehen konnte und das Geld eben nicht in die Spielhalle trug, war das ein besonderer Moment. „Ein Glücksgefühl“, sagt Holger Anschütz. In der Langzeittherapie hat er sein Leben geordnet. Er kennt seine Triggerpunkte, weiß, wie er sie vermeidet, wann und wo er Hilfe braucht. „Ich bin zufrieden, habe meine Familie und brauche das Spiel nicht mehr als Ausgleich“, sagt er. „Ich möchte nicht wieder rückfällig werden, denn ich kenne die Konsequenzen.“

Bianka Schneppat ist Sozialarbeiterin in der Psychosozialen Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete, Suchtkranke und deren Angehörige in Arnstadt, einer Einrichtung des Marienstifts Arnstadt. Sie hat Holger Anschütz während der Langzeittherapie begleitet, leitet auch die Selbsthilfegruppe, in der er Mitglied ist. „Je länger jemand abstinent ist, desto besser kann man mit kritischen Situationen umgehen“, sagt sie. „Spielsucht sieht man niemandem an. Am ehesten spürt man die Wesensveränderung. Betroffene borgen sich öfter Geld, haben häufig Geldnot, können ihre Fixkosten nicht decken oder müssen Wertgegenstände veräußern.“ In der Selbsthilfegruppe sind Computerspieler, Menschen, die nach Online-Wetten süchtig sind, aber vor allem Automaten-Spieler. Sie alle haben inzwischen gelernt, den Alltag ohne den ständigen Drang zum Spiel durchzustehen, ihr Geld einzuteilen. „Ein wichtiger Schritt ist, die Sucht transparent zu machen, sie vor sich selbst und seinem Umfeld anzuerkennen“, sagt Bianka Schneppat.

„Trotzdem darf man nie vergessen, dass es einen erwischen kann. Man darf nie leichtsinnig werden“, sagt Holger Anschütz. Dass er sich als Betroffener sozusagen aus der Deckung wagt? „Ich möchte mit meiner eigenen Geschichte anderen Mut machen, sich Hilfe zu holen.“

Ein erster Anlaufpunkt kann die Suchtberatungsstelle sein.

Psychosoziale Beratungs- und Behandlungsstelle für Suchtgefährdete, Suchtkranke und deren Angehörige

Paulinzellaer Straße 45

99310 Arnstadt

Tel. 03628 – 58 41 80

E-Mail psbsarnstadt@ms-arn.de

https://www.marienstift-arnstadt.de/einrichtungen/suchtberatung